Atlantiküberquerung mit einer Bavaria 42 von 1988 – 24 Tage zwischen Routine, Risiko und Rausch der Elemente
Eine Atlantiküberquerung ist nie nur eine Strecke auf der Karte. Sie ist ein permanentes Wechselspiel aus Planung, Improvisation und der Erkenntnis, dass der Ozean am Ende sowieso macht, was er will. Mit unserer Saira, einer Bavaria 42 (Baujahr 1988) haben wir uns auf den direkten Kurs von den Kanaren nach Martinique begeben, ohne Zwischenstopp auf den Kapverden, mit klarem Ziel: die Bucht von Sainte-Anne.
Kommuniziert haben wir über ein Iridium Go, das wir alle paar Tage für Wetterdaten eingeschaltet haben. Heutzutage, wo fast alle Segler mit Starlink unterwegs sind und permanent online sein können, wirkt das fast ein bisschen nostalgisch. Aber es hat funktioniert – und vielleicht hat genau das diese Atlantiküberquerung auch zu dem gemacht, was sie war: reduziert, intensiv und ziemlich ehrlich.
Auftakt mit Beigeschmack
Der Start auf El Hierro setzte gleich den Ton. Bei 29 Knoten Wind ging es los: Irgendwo zwischen Vorfreude und dem leicht hektischen Gefühl, bestimmt noch irgendetwas vergessen zu haben.
Was wir tatsächlich „noch schnell“ erledigen mussten: Diesel bunkern. Also rein in die südlichste Marina der Insel, Puerto de la Restinga – bei ordentlich Wind. Beim Anlegen gab es dann direkt die erste Lektion: Scheuerleiste beschädigt, Messing verbogen, Holz gesplittert. Nichts Dramatisches, aber ein ziemlich unnötiger Auftakt. Atlantik kann also auch schon im Hafen anfangen.
Draußen lief es dafür umso besser. In den ersten drei Tagen spulten wir rund 450 Seemeilen ab, getragen von kräftigem Halbwind. Eine Windrichtung, die wir schnell zu schätzen lernten – deutlich angenehmer als achterlicher Wind, der später noch kommen sollte und das Boot ordentlich ins Rollen brachte. Dazu begleiteten uns von Anfang an Squall-Lines, eher untypisch für diese Breiten, aber offenbar hatte der Atlantik seine eigene Agenda.
Und dann: Große Flaute mitten im Atlantik
Die erste Woche war ein ständiges Auf und Ab. Am fünften Tag dann: komplette Flaute. Der Ozean verwandelte sich in einen spiegelglatten Ententeich. Anfangs fast surreal, dann erstaunlich entspannend. Nach ein paar Tagen Motorfahrt kam ab Tag sieben wieder Wind zurück, und wir konnten endlich wieder segeln. Ab Tag acht mit Leichtwindgenua – und irgendwo zwischen Bewegung und Stillstand pendelte sich unser Rhythmus ein.
Eine Szene aus dieser Zeit bleibt besonders hängen: Wir sitzen entspannt im Cockpit und philosophieren über eine imaginäre „Sail-in Bäckerei“ mit Kaffee to go. Kaum ausgesprochen, taucht hinter uns ein Frachter aus Togo auf – etwa 300 Meter entfernt. Den hatten wir vorher weder gesehen noch auf dem Plotter wahrgenommen, dessen Übersicht auf 20 Seemeilen eingestellt war. Fazit: Man sollte vorsichtig sein, was man sich wünscht. Und: Der Plotter-Zoom wurde ab sofort konsequent auf 10 Seemeilen gestellt.
Generell wusste Björn, der in jungen Jahren schon über den Pazifik segelte, worauf er sich mit der Atlantiküberquerung einließ. Andrea hingegen glaubte es zu wissen.
Für sie war es die erste Ozeanüberquerung – und während andere von Starkwind, hohen Wellen und durchwachten Nächten sprechen, hatte Andrea ein ganz eigenes Bild im Kopf: sanfte Brisen, ein leises Plätschern am Bug, vielleicht ein Kaffee in der Morgensonne, während das Boot wie von selbst Richtung Karibik gleitet. Kurz gesagt: mehr Wellness als Weltumsegelung.
Und der Atlantik? Der hat zugehört.
Was folgte, war eine Passage, die sich weniger durch dramatische Sturmerlebnisse auszeichnete, sondern vielmehr durch eine fast schon künstlerisch übertriebene Interpretation des Begriffs „Flaute“. Tage, an denen das Meer aussah wie gebügelt. Nächte, in denen selbst die Segel leise gähnten. Der Wind? Offenbar ebenfalls im Urlaubsmodus.
Andrea war zunächst begeistert. „Genau so habe ich mir das vorgestellt“, sagte sie – vermutlich zum zehnten Mal, während das Boot mit beeindruckender Konsequenz… stillstand.
Björn hingegen begann, die Definition von Fortschritt neu zu verhandeln. Ein Knoten Fahrt wurde zum Ereignis. Zwei Knoten zur Sensation. Und ein drolliges Naturschauspiel gab es gratis dazu: Ein ca. 70 cm langer Thun schwamm 48 Stunden neben uns mit.
Vom Wünschen und vom Dieselverbrauch
Natürlich hatte Andrea bekommen, was sie sich gewünscht hatte: eine entspannte Überfahrt. So entspannt, dass selbst die Zeit irgendwann beschloss, einen Gang runterzuschalten. Dass man dabei gelegentlich vergaß, dass man sich eigentlich auf einer Atlantiküberquerung befand und nicht auf einem schwimmenden Balkon, war nur ein kleines Detail.
Irgendwann, nach der x-ten spiegelglatten Stunde auf See und dem y-ten Satz „Ist doch eigentlich ganz schön so“, dämmerte es dann doch langsam: Man sollte wirklich vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht, wenn man irgendwann ankommen will. Der Atlantik liefert. Immer. Nur manchmal eben etwas zu wörtlich.
Die folgenden Tage machten jedenfalls genau dort weiter, wo diese Erkenntnis aufgehört hatte: mit sehr viel Ruhe und sehr wenig Wind. Insgesamt sechs Tage ohne nennenswerten Vortrieb. Der Motor lief entsprechend häufiger als geplant – und der Dieselverbrauch entwickelte eine gewisse Eigendynamik. Etwa die Hälfte unserer Reserve war bald Geschichte.
Zeit…viel Zeit aber wenig Wind
Immerhin blieb Zeit für Dinge, die sonst gerne untergehen: kleine Reparaturen, zum Beispiel unser Sailgen, der sich kurzerhand von seinem Stutzen verabschiedet hatte und wieder montiert werden wollte. Oder Angeln.
Entgegen aller gut gemeinten Vorabtipps stellten wir fest: Unter den Sargassum-Feldern ist durchaus etwas los. Also Motor an, nah an die Seegrasfelder ran, Leine raus – und tatsächlich: frischer Fisch an Bord. Der Atlantik konnte eben nicht nur stillstehen, er konnte auch liefern.
Mitten in dieser Flautenphase füllten wir schließlich die letzten Dieselkanister in den Tank. Ab da war klar: Jetzt muss es reichen. Ein Gedanke, der sich leise, aber ziemlich konsequent im Hinterkopf festsetzt.
Fliegende Fische und andere Herausforderungen
Als der Wind zurückkam, tat er das nicht halbherzig. Und er brachte gleich neue Mitfahrer mit: fliegende Fische. Nachts landeten sie regelmäßig an Deck, einer davon direkt im Gesicht des Käptn‘s. Für ihn überraschend, für den Fisch vermutlich auch kein Highlight.
Die letzten Tage vor Martinique hatten es dann nochmal in sich. In einer Nacht frischte der Wind innerhalb weniger Minuten von etwa 15 auf knapp 30 Knoten auf. Das Schiff krängte stark, lief aus dem Ruder, das Groß schlug trotz Bullenstander auf die andere Seite – drei Relingsstützen verabschiedeten sich dabei in Richtung „kreativ verbogen“.
Parallel dazu entwickelte die Fock ein Eigenleben und vertörnte sich eieruhrartig. Nachts, bei rund vier Meter Welle, war an sauberes Arbeiten nicht zu denken. Also blieb nur: durchhalten, sichern, warten. Erst im Morgengrauen konnten wir durch vorsichtiges Kreise fahren das Segel wieder klarziehen. Für Andrea ein absoluter Albtraum – und für uns beide eine ziemlich eindrückliche Erinnerung daran, dass solche Nummern grundsätzlich nur nachts passieren. Ohne Ausnahme.
Ein paar Tage zuvor hatte sich bereits gezeigt, wie wichtig Routine ist: Bei einer Riggkontrolle entdeckten wir eine gelöste Mutter am Rodkicker. Nichts, was sofort ins Auge springt, aber genau die Art von Detail, die später richtig unangenehm werden kann.
Am vorletzten Tag dann nochmal ein Klassiker: Der Wind frischte auf, und unser während der Flaute sorglos ungesichertes Geschirr beschloss, geschlossen aus dem Regal auszuziehen. Ergebnis: ein beeindruckendes Klirren und deutlich weniger „unzerbrechliches“ Geschirr als zuvor. Der Atlantik hat ein gutes Gedächtnis.
Endlich auf Martinique angekommen!
Am 24. Tag liefen wir schließlich in die Bucht von Sainte-Anne auf Martinique ein. Drei Tage später als geplant – was sich im Rückblick überhaupt nicht wie ein Nachteil anfühlte. Die Flautenphasen hatten etwas, das man auf See selten bekommt: echte Ruhe.
Für Andrea, die der Überquerung anfangs eher skeptisch gegenüberstand, wurde genau das zu einem der größten Pluspunkte. Aus Skepsis wurde Gelassenheit, und am Ende auch ein bisschen Stolz.
Was am Ende bleibt
Was bleibt, ist mehr als nur eine Strecke. Es ist eine Art Reset. Kein Dauerrauschen, keine ständige Erreichbarkeit, kein digitales Grundbrummen. Stattdessen Wind, Wasser, Rhythmus. Und irgendwann sogar ein neu kalibrierter Geruchssinn, der erste Hauch von Land nach Wochen auf See ist intensiver, als man es sich vorher vorstellen kann.
Und am Ende bleibt die Erkenntnis: Der Atlantik ist kein gleichförmiger Raum. Er ist ein System aus Stille, Druck und Bewegung. Und eine alte, stabile Bavaria 42 ist genau das richtige Gefährt, um diese Gegensätze auszuhalten – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.
Wer neugierig ist, wie es weitergeht, findet die Freiheitssegler auf ihrem YouTube Kanal - Freiheitssegler
BAVARIA YACHTS bedankt sich ganz herzlich bei Björn und Andrea, für diesen Beitrag! Wir wünschen stets eine handbreit Wasser unter dem Kiel und idealen Wind! Sie haben ebenfalls eine spannende Story mit Ihrer BAVARIA erlebt? Schicken Sie uns gerne hier eine Mail!
