Vom Kaiser bis zur Cruiser – Die Geschichte des Segelsports

Über die Geschichte des Segelsports wurden natürlich schon viele dicke Bücher geschrieben. Aber im Zeitalter von von Internet und Blinkist muss sich keiner mehr durch die dicken Wälzer der Fachliteratur kämpfen. Marcus Schlichting, Segelsport‐Journalist und seit über sechs Jahren Pressesprecher bei Bavaria Yachts, fasst die wichtigsten Blinks der Geschichte dieses einzigartigen Sports zusammen.

Fakt 1 – Schon der Kaiser war ein Segler

Das Vorurteil, dass Segeln nur eine Sportart der Reichen und Schönen ist, stammt vielleicht aus Kaiserszeiten. 1891 segelte Kaiser Wilhelm II mit seiner Segelyacht Meteor Regatten gegen seine aristokratischen Gegner in England und war auch regelmäßig Gast der Kieler Woche. Insgesamt baute er weitere vier Segelschiffe mit bis zu 47 Metern Länge unter dem Namen Meteor und blieb dem Segelsport bis zum 1. Weltkrieg verbunden.

Fakt 2 – Der America’s Cup machte den Tee berühmt

Die Geschichte des berühmten America’s Cup, der wohl wichtigsten Trophäe des Segelns, geht sogar in das Jahr 1851 zurück. Bei einer Regatta um die Isle of Wight in Südengland gewann die Yacht America vom New York Yacht Club und gab der „Bodenlosen Kanne‟, wie der America’s Cup genannt wird, seinen Namen. Für 132 Jahre sollte der Cup an der Ostküste der USA seine Heimat behalten.

Immer wieder traten große Namen mit ihren beeindruckenden Segelschiffen auf dem Wasser gegen den Cup‐Verteidiger New York Yacht Club an. Thomas Lipton war einer von den Herausforderern und galt als bester Verlierer aller Zeiten. Insgesamt fünfmal wollte er zwischen 1899 und 1930 den Cup gewinnen, fünfmal verlor er mit seinen Yachten namens Shamrock. Sein Lipton Tee wurde dadurch allerdings sehr bekannt. Harold S. Vanderbilt, aus der berühmten amerikanischen Eisenbahndynastie, erging es nicht besser. Dreimal trat er in den 1930er Jahren an, dreimal verlor er.

Als einer der bekanntesten Segler Dennis Connor 1983 als erster Amerikaner den America’s Cup an die Crew des australischen Geschäftsmannes Alan Bond verlor, war es für die USA eine nationale Tragödie. Neben Australien und den USA dominieren vor allen Dingen die Neuseeländer heute den America’s Cup. Als einziges europäisches Land gelang der Schweiz 2003 mit dem Alinghi Team den Sieg. Pikanterweise mit dem neuseeländischen Skipper Russel Coutts, der zuvor schon zweimal den Cup für Neuseeland holte. Inzwischen wurde der Cup schon zweimal auf modernen foilenden, also fast fliegenden, Katamaranen von 15 Meter Länge ausgetragen.

Für den nächsten, den 36., America’s Cup wurde wieder ein neuer Typ Boot entwickelt. Foilende, also auf Kufen schwebende, Einrumpfboote, die mit 30 Knoten über das Wasser fegen. Das Finale wird im Dezember 2020 in Auckland stattfinden.

Fakt 3 – Die erste Olympiade für Segler

Eigentlich sollte schon bei der Olympiade 1896 in Athen gesegelt werden, aber Wind und Wetter waren dort einfach zu schlecht. Und so feierte das Segeln erst bei der Olympiade in Paris 1900 sein Debüt. Die Boote wurden noch nach Gewichtsklassen eingeteilt und von Beginn an durften auch Frauen die Segel setzen, um eine olympische Medaille zu erlangen. Aber es dauerte noch 88 Jahre bis in Seoul Regatten für Frauen und Männer in eigenen Bootsklassen eingeführt wurden. Bekannte Bootsklassen wie der Laser, eine eigentliche simpel konstruierte Einmannjolle, das klassische aber bei viel Wind schwer zu segelnde Starboot, das von 1932 bis 2000 olympisch war oder der moderne 49er, der neben seglerischem Talent auch viel Akrobatik erfordert, erlangten als olympische Klassen eine große Popularität.

Fakt 4 – Gold-Medaillen-Gewinner und Segelmacher

Aber nicht die Boote machten Olympia für Segler und Fans schon immer interessant, es waren die Olympioniken selbst. Paul Elvström, dessen Segelmacherei Bavaria Yachts seit über 40 Jahren mit perfekten Segeln ausstattet, nahm zwischen 1948 und 1988 achtmal an Olympia teil. Er gewann fünf Goldmedaillen für Dänemark und landete zweimal unglücklich auf dem edelmetallfreien vierten Platz. Damit gehört Paul Elvström zu den erfolgreichsten Seglern aller Zeiten. Und auch der heutige Chef von Elvström Sails, Jesper Bank, trat viermal bei Olympia an und gewann zwei Gold‐ und eine Bronzemedaille. Im Juli 2020 geht es bei dem Olympischen Spielen Japan wieder für 350 Segler in 10 Bootsklassen um Gold, Silber und Bronze. Auch der Deutsche Segler‐Verband wird natürlich seine segelnden Athleten nach Japan schicken.

Fakt 5 – Segelsport ist Breitensport

Schon zur Mitte des letzten Jahrhunderts wurde es deutlich: Segeln ist nicht nur ein Sport für Reiche, sondern für Jedermann. Die Klassenvereinigungen, die die Interessen der einzelnen Bootsklassen wahrnehmen und auch die Segelvereine bekamen immer mehr Mitglieder. An der Küste, auf den Flüssen und auf Seen wurden die Segel gesetzt für kleine und große Regatten oder einfach auch nur um das Segeln mit dem Wind zu genießen. Die einen absolvierten ein hartes Training für Regatten, die anderen wollten als Fahrtensegler die Welt erkunden.

Fakt 6 – Boote für Jedermann

Das Angebot für Segler stieg und auch immer mehr Boote wurden gebaut und gekauft. Den Durchbruch für das Sailing for everyone brachte Ende der 1960er Jahre der glasfaserverstärkte Kunststoff, kurz GFK. Boote mussten nicht mehr mit der Hand aus Holz Planke für Planke gebaut werden. Mit Formen, GFK‐Matten und Harz konnten sie in Serie am Fließband gebaut werden. Das erkannte auch Winfried Hermann und machte aus seiner Fabrik für Kunststofffenster 1978 die Bavaria Werft für Segelschiffe. Die Bavaria 707 mit 7,07 m Länge, 2,48 m Breite und 28 m² Segelfläche war das erste Boot aus der Werft in Giebelstadt. Heute gehört die Cruiser‐Line von Bavaria Yachts zum Beispiel zu den erfolgreichsten und meist gebauten Seriensegelyachten weltweit. Allein die Cruiser 46 wurde über 900‐mal gebaut. Insgesamt sind über 41.000 Bavarias auf allen Meeren unterwegs.

Fakt 7 – Wettfahrten auf dem Wasser und am Computer

Wettfahrten dauern leider nicht 90 Minuten und finden nicht in einem Stadion statt. Aber es ist Hochleistungssport und Schach auf dem Wasser zugleich, das ist eine alte Erkenntnis und Freud und Leid des Segelsports zugleich. Zuschauer und Medien können nur mit hohem Aufwand an Videotechnik einen Einblick davon bekommen, was auf dem Wasser geschieht. Andererseits ist der Regatta‐Segelsport nicht nur eine Frage der Fitness und Ausdauer, sondern auch der Erfahrung und der richtigen Taktik. Wer nur an der Taktik interessiert ist, kann heute schon international an den vielen virtuellen Regatten am Computer, Tablet oder Smartphone teilnehmen. Egal ob beim Ocean Race um die Welt oder bei der Kieler Woche.

Fakt 8 – Echte Abenteuer für Profi-Segler

Segeln ist immer noch ein Abenteuer. Das wird auch Boris Herrmann bestätigen können. Der junge Skipper, der im letzten Sommer Greta Thunberg über den Atlantik zur Klimakonferenz nach New York segelte, bereitet sich gerade auf eine der größten Herausforderungen in diesem Sport vor: Er möchte Nonstop und Einhand beim Vendee Globe Race um die Welt segeln. Das heißt knapp 80 Tage allein auf See zu sein und alle Kaps der Welt zu umsegeln. Jeder Wechsel der Segel muss im Schlaf sitzen, obwohl man sich nur wenig Schlaf gönnen darf. Der Start für das Vendee Globe ist Anfang November 2020.

Fakt 9 – Setz die Segel und genieße die Freiheit

Der Segelsport hat heute viele Facetten. Vom sportlich anspruchsvollen Regattasegeln bis zum entspannten Segeln von Badebucht zu Badebucht. Was man persönlich mag, ist leicht herauszufinden. Man muss es nur ausprobieren, bei einem Segelkurs auf einer Jolle, bei einem Kurs zum Sportbootführerschein, an Bord mit Freunden auf einer Segelyacht oder mit dem eigenen Schiff.