Einhandsegeln: Wenn du allein mit Welle und Wind bist

Single- und Doublehand-Regatten erleben in den letzten Jahren einen wahren Boom. Beim Silver Rudder, der Baltic 500, der Brassfahrt, dem Med Max und dem Offshore Double-Handed World Championship messen sich Amateure und Profis bei Wettfahrten zwischen 50 und 500 Meilen. Die Online-Meldelisten für diese Veranstaltungen sind oft bereits Minuten nach der Freischaltung ausgebucht. Doch woher kommt die Lust am Shorthanded-Segeln, also allein oder zu zweit, und was sollte man für eine gute Vorbereitung beachten? 

Als Marketing Manager bei BAVARIA und erfahrener Regatta- sowie Fahrtensegler mit mehreren tausend Meilen Erfahrung teilt Marcus Schlichting hier seine persönliche Checkliste.

Einhandsegeln | BAVARIA YACHTS

Was ist Einhandsegeln überhaupt?

Kurz erklärt: Einhandsegeln bedeutet, ein Boot komplett ohne Crew zu führen – von der Navigation über die Segelmanöver bis zum An- und Ablegen im Hafen. Genau diese Mischung aus Verantwortung, Freiheit und Konzentration macht für viele den besonderen Reiz aus.

Man muss nicht an einer Regatta teilnehmen, um allein oder zu zweit zu segeln. Für die meisten Segler ist das normaler Alltag. Sie segeln immer mit ihrem Partner zu zweit oder auch mal gerne allein. Selbst wenn man mit Freunden auf Törn geht, die zum ersten Mal auf einem Segelboot sind, fühlt man sich als Skipper sehr allein an Bord und muss wie ein Einhandsegler denken.

Eine Hand für dich, eine fürs Schiff

Übrigens, warum heißt es Einhandsegeln, wenn man doch zwei Hände hat? Ein alter Kapitän, der noch auf großen Traditionsseglern fuhr und den ich im Hafen traf, sagte immer zu mir: „Kleiner, immer eine Hand für dich und eine fürs Schiff! Merk dir das, sonst spülen dich die Wellen einfach von Deck ins Meer.“ Damit meinte er die erste Grundregel guter Seemannschaft (siehe Info-Box). Eine Hand braucht man, um sich an Bord festhalten zu können und so für die eigene Sicherheit zu sorgen. Die andere Hand bleibt für das Schiff und die Segel, also für das Einhandsegeln. 

Ab und zu segle ich mit meinem Boot einhand. Meist sind es keine langen Törns, oft segle ich nur sonntags ein paar Stunden in der Bucht, eher „Shorttime-Single-Handed“ also. Trotzdem macht es einen deutlichen Unterschied, ob man allein, zu zweit oder mit einer Crew an Bord ist. Alles muss bestens und weit vorausschauend vorbereitet sein, nichts darf einen überraschen können.

Jetzt klinge ich so fachkundig, dabei ist jedes Opti-Kind ein kleiner Einhandsegler. Wenn man jedoch eine über 30 Fuß lange Segelyacht mit mehr als 50 Quadratmetern Segelfläche bewegen möchte, sollte man das genau planen und nicht unbedacht losfahren. 

Einhandsegeln | BAVARIA YACHTS

Meine Checkliste vor dem Auslaufen:

  • Mast und Segel:
    Großsegel und Fock sind bereits im Hafen zum Setzen vorbereitet. Die Fallen, Schoten und Strecker werden überprüft, ob sie freilaufen. Alles muss klar laufen, nichts darf sich später verheddern und zu Chaos führen.

    Beim Rollgroß lege ich mir den Outhaul vom Unterliek auf eine Winsch und die Großschot auf eine zweite. Von der Rollfock liegt die Furler-Leine zum Ausrauschen bereit, die Schot ist ebenfalls schon auf einer Winsch. Welches Segel wann verwendet werden sollte lesen Sie hier.
     
  • Motor und Bugstrahlruder:
    Die wichtigsten Systeme schon im Hafen auf ihre Funktion prüfen. Den Motor sollte man rechtzeitig vor dem Ablegen starten. Das nervt zwar die Nachbarn, aber wenn der Motor 15 Minuten lang ohne Probleme läuft, dann wird er das auch in den nächsten Stunden. Wenn die Festmacher ordentlich sitzen, einmal in den Vorwärts- und einmal in den Rückwärtsgang einkuppeln. Das erspart bei Hafenmanövern böse Überraschungen.

    Ein Bugstrahlruder kann ebenfalls noch in der Box angeschaltet und kurz ausprobiert werden. Den Autopiloten kann man hingegen erst nach dem Verlassen des Hafens prüfen. Er braucht mindestens drei Knoten Fahrt voraus.
  • Navigation und Wetter: 
    Ich bin der Typ „Wetterbericht“ – 24/7, und das schon Tage bevor ich auslaufen möchte. Windrichtung und Windstärke entscheiden über meine Route, Beseglung und ehrlich gesagt auch über meine persönliche Einstellung.

    Es gibt eine Reihe guter Apps wie Windfinder und Windy, die auf dem Smartphone mit Vorhersagen und Stationsmeldungen über die Wetterlage informieren. Für die Nord- und Ostsee findet man in der Warnwetter-App des DWD auch den Seewetterbericht. Für andere Reviere gibt es ebenfalls offizielle Wettervorhersagen. An vielen Hafenmeisterbüros sind diese im Aushang zu finden.

    Am Kartenplotter übe ich das Eingeben von Routen bereits im Hafen, um auf See nicht lange überlegen zu müssen, falls ich meine Route während des Törns schnell ändern möchte. Zusätzlich habe ich immer eine Papierseekarte im Cockpit dabei. Das gibt mir das Gefühl, einen besseren Überblick über das gesamte Revier zu haben, ohne im Kartenplotter ständig den Kartenausschnitt ändern zu müssen. Außerdem ist es z. B. auf deutschen Gewässern Vorschrift, aktuelle Papierkarten an Bord zu haben.

    Das Fernglas mit Peilkompass, das UKW-Handsprechgerät und alles, was ich noch an Deck brauche, liegen natürlich im Cockpit in Griffweite.
     
  • Food & Beverage und andere wichtige Dinge: 
    Wenn ich schon allein auf dem Meer unterwegs bin, dann gönne ich mir auch etwas. Auch wenn man unter Autopilot immer mal für ein paar Minuten unter Deck verschwinden kann, um sich etwas zu essen oder zu trinken zu holen, habe ich lieber alles im Cockpit dabei. 

    Daher verstaue ich vor dem Auslaufen ausreichend Wasser und andere Getränke sowie ein paar Snacks und andere wichtige Utensilien wie Lesebrille und Taschentücher im Cockpit. Auch eine Jacke oder einen Pullover lege ich mir am Niedergang griffbereit. Eine Automatik-Schwimmweste trage ich bei jedem Wetter, egal ob ich allein oder mit Crew segle.

     

  • Ablegen: Manöver im Hafen: 
    Wenn man allein für die Vor- und Achterleinen zuständig ist, muss das An- und Ablegen besonders gut geplant werden. Auch hier geht mein erster Blick in den Mast, um am Windex die Windrichtung zu überprüfen. Kommt starker Wind von der Seite, löse ich beim Ablegen die Festmacher in Lee, soweit möglich, bevor ich mich auf die Luv-Leinen konzentriere. Je nach Bedarf tausche ich die Festmacherleine zum Land gegen eine längere Leine aus, die ich auf Slip nehmen kann. Wenn ich dann aus der Box fahre, gibt sie mir noch etwas Führung. 

    Das funktioniert auch, wenn man mit dem Heck an einer Mooring liegt. Dann kann man die Leine eindampfen und in Ruhe die Mooring lösen. Während ich die Landleine langsam fiere, kann ich mit dem Bugstrahlruder die Richtung des Schiffes noch etwas korrigieren. 
    Wenn ich den Hafen verlasse, dann meist mit sehr langsamer Fahrt und Autopilot, sodass ich Zeit habe, die Fender einzusammeln und das Deck aufzuräumen. Geht es zurück in den Hafen, bereite ich schon weit vor dem Hafen alles wieder vor. 
     
  • Anlegen: die eigentliche Herausforderung: 
    Meistens ist das Anlegen im Hafen aufregender als das Ablegen, besonders wenn man allein ist und sich am Pier keine helfende Hand zeigt, die einem die Landleinen abnimmt. Der erste Blick ist hier ebenfalls immer dem Wind gewidmet, denn die Luvleinen sind die wichtigsten und müssen zuerst festgemacht werden. 

    Beim Einlaufen in eine Box – wie es auf der Ostsee der häufigste Fall ist – steuere ich in die Box und beginne, wenn der Dalben an den Wanten vorbeizieht, mit dem Rückwärtsgang aufzustoppen. Dann habe ich genug Zeit, die Achterleine über den Dalben zu legen. Anschließend geht es im Vorwärtsgang weiter. Wenn der Dalben achteraus geht, nehme ich die Achterleine auf Spannung und lasse sie wieder locker, bis der Bug kurz vor der Pier ist. Ich belege die Achterleine und lasse den Gang eingekuppelt. In der Regel hat man dann genug Zeit, die Vorleinen auszubringen. 

    Mit dem Heck anzulegen erfordert etwas mehr Übung. Mein Tipp ist deshalb, im Hafen von vornherein rückwärts zu fahren. Die meisten Segelboote brauchen etwas Anlauf, damit sie sich auch rückwärts exakt steuern lassen. Wenn man keinen Liegeplatz findet und aus der Boxengasse wieder herausmuss, geht das Vorwärtsfahren viel sicherer. 

Fazit: Einhandsegeln macht richtig Spaß – wenn man sich gut vorbereitet

Man hat etwas ganz allein geschafft, war dem Meer und dem Wind ganz nah und ist vielleicht auch an seine persönlichen Grenzen gegangen. Im Internet und auf YouTube gibt es zahlreiche Tutorials zu diesem Thema. Dort kann man sich weitere Techniken für verschiedene Manöver abschauen. 

Wer jedoch schon an Land nicht gerne allein ist, sollte es lieber mit Doublehand versuchen. Besonders auf langen Törns über Nacht ist das Segeln zu zweit angenehmer, finde ich jedenfalls. Man kann sich immer über Wetter und Navigation austauschen und auch mal ein bisschen schlafen. Und am Ende lässt sich im Hafen der gemeinsame Törn feiern. 

 

 

BAVARIA Modelle zum Einhandsegeln

Alle Modelle von BAVARIA YACHTS sind ab Werk für das Single- und Doublehand-Segeln vorbereitet. Die Modelle C38, C42, C46, C50 und C57 verfügen serienmäßig über eine Selbstwendefock, die das Kreuzen auf schmalen Gewässern mit vielen Wenden zum Vergnügen macht. 

Bei den Modellen C38 und C42 kann man sich mit der Option „Schotwinschen am Steuerstand” die Großschot und die Schot der Selbstwendefock direkt zum Steuermann leiten lassen. Das Winschenlayout mit Fallen- und Schotwinschen am Steuerstand der Bavaria C46, C50 und C57 ist ebenfalls Single- und Doublehand-Ready. Wer mehr Segel-Power auf Rumschotskursen wünscht, ist mit dem Bugspriet sowie einem Permanent Code0 von Elvström Sails allein oder zu zweit schnell und sicher unterwegs.

Segelyacht vor der Küste von Mallorca
Autor: Marcus Schlichting

Autor: Marcus Schlichting

Fragte man Marcus Schlichting als kleinen Jungen nach seinem Berufswunsch, wollte er weder Lokführer, Astronaut noch Müllmann werden. Er antwortete immer aus fester Überzeugung: Einhandsegler oder Weltumsegler, oder am besten beides. Ganz ist sein Kindertraum nicht in Erfüllung gegangen, aber fast. Heute ist er Marketing Manager und Pressesprecher bei BAVARIA YACHTS und gehört zu den erfahrensten Seglern im Team. Neben mehreren tausend Meilen als Fahrtensegler konnte er auch als Regattasegler viele Erfolge feiern. Unter anderem führte er die deutsche Rangliste der Doublehandszene an der Ostsee an. Das Einhandsegeln hat ihn immer fasziniert, da man alles können muss. Navigieren, Segeln, Reparieren, Essen, Schlafen, Durchhalten, immer aufmerksam bleiben – eben ein echter Seemann sein, und das ganz allein an Bord.